Liebe Pflegeeltern,
meistens lesen Sie hier Dinge, die ganz FaMo unterschreiben könnte und Sie vermutlich auch. Heute schreibe ich mal meine Privatmeinung und falls ich da Widerspruch verdiene, mag er über mich allein kommen. Ich habe auch nicht viel übrig für Pauschalurteile über „die da oben“ oder Theorien, wie man „ganz einfach“, nur mit „gesundem Menschenverstand“ unser Land regieren sollte. Lösungen, die in so einem Kontext vorgeschlagen werden, sind in der Regel ziemlich unterkomplex. Und ich sehe selbst, dass die Gegenwart wie eine Ansammlung paralleler Krisen wirkt, die das Regieren zum Hochseilakt macht. All das setzen Sie bitte bei mir voraus.
Trotzdem kann ich mein Unverständnis nicht für mich behalten, wenn der Haushalt ausgerechnet über die Einschnitte im Sozialbereich saniert werden soll. Natürlich fällt eine Subventionskürzung schwerer, wenn man dann Traktoren vor dem Ministerium erwarten darf. Natürlich machen Branchenverbände Druck, damit staatliche Beihilfen fließen, die sich dann später für den Fiskus oder die Bürger auszahlen – oder auch nicht. Und manche Lobbygruppe muss nicht einmal mehr vorsprechen, weil eine der ihren heute als Bundesministerin ein Schlüsselressort leitet und aktiv um Argumentationshilfen bittet, mit denen sie die Interessen ihrer früheren Arbeitgeber durchwinken kann.
Damit können die Sozialverbände und alle, die sich sozial engagieren, nicht mithalten: Wir haben weder die Lautstärke noch die Mittel anderer Interessengruppen, noch können wir unsere eigenen Pflegekinder bestreiken. Aber wir vertreten nicht nur die Interessen der Schwächsten, sondern ihre Rechte, die ihnen gesetzlich zustehen. Gleichbehandlung und Teilhabe sind kein Geschenk nach Kassenlage, es sind Rechte.
Na klar, es gibt auch Sozialmissbrauch und mancher liegt in der sozialen Hängematte. Gegen beides sollte man vorgehen. Aber das plakativ anzuprangern, nur um damit flächendeckenden Kahlschlag im Sozialbereich (und nein, ich dramatisiere nicht) zu rechtfertigen, ist weder christlich noch sozial, sondern scheinheilig.
Nein, ich möchte derzeit wirklich nicht Kanzler oder Finanzminister sein. Und ganz sicher ist nicht alles eine Alternative, was so heißt. Aber man möchte die Koalitionsparteien schon bitten, doch mal gelegentlich nachzuschauen, was für Buchstaben auf dem Dach ihrer Parteizentrale stehen.
Herzliche Grüße
(heute einfach nur von) Leo


